Frauen im Prenzlauer Berg an einem Regentag


Unvollkommener Text von unfertiger Schreiberin in einer bruchstückhaften, unvollendeten Welt – aber mit Zukunftsaussicht:

Ich bin oft vorbeigegangen: durch jedes der drei großen Glasfenster im Parterre des Altbaus sieht man hinein in jeweils einen der Räume der Literaturagentur. In der inneren Fensternische des letzten Raums liegen Bücher mit verlockenden Titeln, brav angeordnet, Titel und Coverdesign weisen sich als erfolgreich abgerundete Geschichten ohne Chaos und Anarchie aus, daneben kennzeichnet ein Schild sie als auf der Spiegel Bestsellerliste erschienene Produkte. In jedem Zimmer steht ein Schreibtisch und man spürt noch durch das Glas den Fleiß der drei Frauen, die unentwegt in den Bildschirm der Rechner schauen, fühlt, wie sie nach Texten suchen, die im Markt eine Chance haben gekauft zu werden, spürt ihren großem Einsatz dafür zu werben und ihr Expertise, was das Werben angeht.
An diesem Regentag – ich trug einen gedellten großen, hellblauen Hut und eine rote wilde Jacke, die ich von der Mutter eines Freundes geerbt habe, sie sieht aus als wäre sie original von Chanel, Sriram trug seine rote Lederjacke, die ich ihm am Anfang seiner Münchner Zeit geschenkt hatte, von Hugo Boss, habe ich ihm damals gesagt, und als er Widerstände zeigte, ja Scham, so was zu tragen, hinzugefügt: Du trägst sie ein Leben lang und du kannst sie noch vererben, außerdem schützt sie dich vor üblen Einflüssen wie eine zweite Haut, schützt den schamanischen Geist in dir, gesagt sei hier, das wir weder Pelz- noch Lederträger sind, aber die Kunststoffjacken sind nicht recycelbar und wegen ihres billigen Preises verkommen sie zu Wegwerfgegenständen, also fand ich die Lederjacke wichtig, zumal Sriram kaum europäische Kleidung hat, die auch noch eine Schutzfunktion besitzen; wie das Rehfell, auf dem ich manchmal übe meinen Atem bewusst in den Körper zu bringen, auch das sei gesagt, es wurde von meinem Bruder geschossen, oder seinem Kumpel? mit einem gekonnten Schuss, bei dem das Tier kein Leid erlebte, denn beim Üben meiner Atemverlängerung denke ich über Tod und Leben nach, das ist wohl was sie Yoga nennen, und Yogis in Indien haben auf einem Rehfell geübt, aber eins das sie ihr Leben lang hatten und weitergaben an den wichtigsten Schüler, also jedenfalls ist jetzt genug Rechtfertigung für Vegane gegeben, und hinzugefügt sei, das wir Vegetarier sind und wertschätzen, was die Haut eines Tiers ist, dazu denke ich an das Foto von T. K. Krishnamacharya auf dem Schaukelstuhl mit seinem Rehfell, keine Ahnung, an wen er das vererbt hat, das ist nicht im elektronischen Netz zu finden, denn das Gefühl mit dem man gibt kann eine Maschine nicht erklären – jedenfalls liefen die Regentropfen die Scheibe entlang als ich mutig an die Glastür der Agentur klopfte: Eine junge schlanke Frau mit lächelndem Ausdruck kam auf die Tür zu und öffnete, zwar ablehnend in der Körperhaltung, denn sie muss ja den kleinen Betrieb vor Eindringlingen schützen, hörte mich aber geduldig an, ich stellten uns als Nachbarn uns seit 1989 Autoren vor, da war sie noch freundlicher und verstand die ganze Misere der vielen Tausenden die Manuskripte für Bücher schreiben, die sie gern gedruckt sehen würden, und ihr Mitleid mit meiner Chancenlosigkeit wiederholt einen neuen Roman rauszubringen, wenn der vorige kein Bestseller, war fühlte sich echt an; auch muss sie über unsere langen weißen Haare gestaunt haben, die Anstrengungen der vielen schon gelebten Jahren offenbarten und sie sich sicher frisch wie ein Küken vor unserem Alter vorkam, dabei waren wir keineswegs gebeugt; war da nicht neulich diese Meute von jungen Leuten auf der Gasse in Heidelberg, von denen die Kesse, wie eine Mieze miaute: „Ich finde euch mega cool“, und der Junge neben ihr sagte: „Es ist so toll, dass es auch Alte gibt, die solche lange Haare haben“ …naja, das hatte gut getan, und dann, so schoss es mir vor der Literaturagentin durch den Kopf: es könnte doch jetzt eine sinnliche Begegnung folgen! Wenn sie ihrem Schaffen eine Zäsur gönnen, und irgendwas sinnvolles mit uns austauschen würde…nein das war nicht gegeben, die junge Frau sagte: „Es muss alles digital eingereicht werden und wir lesen rein in jeden Text, fügte aber noch hinzu: „Es ist so viel, wir kommen gar nicht nach. Texte, Texte, Texte, täglich!“ Ach du Schreck, jetzt tat sie mir leid! Ich ginge oft an der Agentur vorbei und hätte einfach nur mal grüßen wollen, winkte ich zum Abschied

So über meinen neuen entstehenden Roman plaudern, dabei träumen, dass er Leser beglücken könnte, dass ihn zu schreiben meine Tage füllten, und ich ehrlicherweise Geburtshelfer bräuchte, denn das Gebären ohne Hilfe gefährlich für meine Gesundheit sei ¬– es überstrapaziere mich – wäre zu viel der Worte an einem verregneten Tag gewesen. Charrington Rd damals, London Haus-Besetzer-Szene, wo Kreativität ohne Gewinn Sinn machte. Ach, Herrje Frau Luna! Frauen, die helfen könnten einfach so mal kurzer Hand ansprechen, nee, geht gar nicht. Niemand hat Zeit sich für die Muse der Nachbarn, nur dafür was konkret zu Ergebnissen führt, denn das musische ist unermesslich der Erfolg aber messbar und absehbar für diese klugen, gut trainierten Frauen. Trotzdem, reinlesen, ohne die Verfasserin zu kennen, nur die Kurzbeschreibung des Projekts durchfliegen, dazu die Kurz-Biografie, das stelle ich mir schwer vor. „Seht mich an, ich bin was schon war, in meinem Gesicht, in meinen Händen, in meinem Leib steht meine Biografie geschrieben:
Ich will klein bleiben
um an den Grashalmen hinaufzuschauen
und mir wünschen
niemals zum Mond fliegen zu müssen,
war ein Gedicht, das ich mit achtzehn Jahren schrieb und der Erfolgsautorin – schreckliches Wort – eine Absage erteilte. Schriftsteller*in – hölzern. Schreibende Zunft altmodisch und unweiblich, also bin ich Künstlerin. Künstlerinnen waren nie so berühmt wie die Künstler, schon aus historischen Gründen können sie nicht in einem Wort, wenn auch mit einem Stern versehen, genannt werden. In einer Meute von Künstlern fühle ich mich deshalb auch als Frau vertreten.
James Joyce, sein Bewusstseinssturm, sein ‚brainstorming‘, über dessen Text ein Nervenarzt wohl feststellte, er müsse schizophren sein:
„Männer werden von Linien des Intellekts geleitet und Frauen von den Kurven der Emotionalität“ soll ein Zitat von ihm sein, wie wahr, also wie schizophren: den Wahrheit ist nicht von einem Ursprung und niemals ein Ding. Es gibt sie die Pole, negativ und positiv und es gibt einen gewaltigen Unterschied zwischen Mann und Frau. Sie gleichzustellen ist unmöglich. Die weiblichen Wege zum Erfolg sind anders als die männlichen, das Problem ist nur, dass der weibliche Weg zugestellt ist und Frauen jetzt gezwungen werden, den männlichen Weg zu gehen. Das nennen sie es derzeit Emanzipation. Frauen sind darin die fleißigen Arbeitsbienen.
Hier der Versuch fürs digitale Einreichen eines Projekts, Frauen, da draußen, ich brauche Euere Kommentare:

Ela Ros (Unzeitige Geigenklänge) circa 190 Seiten

Eine Liebesgeschichte zweier unterschiedlicher Menschen ¬– sie ist Künstlerin, er Werbetexter–, deren komplizierte Beziehung in die Zukunft einer veränderten Welt führt.

2007: Ela Ros lebt als Geigenvirtuosin in München. Sie plant ihre Termine, indem sie die Quersummen der Zahlen ausrechnet. Ihr Großvater Reinhard Rose, der mit dem Spiel seiner Zigeunerweisen dem Naziterror entkam, hat ihr eingetrichtert: Herkunft, Beziehungen, in festgelegten Zyklen üben, Überzeugung und zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein, wirkt sich entscheidend auf die Karriere aus.

2017 begegnet sie Mill, dem Mann den sie liebte, nach zehn Jahren wieder. Als erfolgreicher Werbedesigner lebt er mit dem Pragmatismus auf den Gewinn ausgerichtet zu sein und hat sich eingetrichtert: Sich mit dem Zeitgeist wenden, die Chance jedes Aufschwungs nutzen, und Effekt aufwendig einzusetzen führe zum Gelingen. Mill bildet immer noch eine unvereinbare Gegenwelt zu ihrem Denken und künstlerischen Schaffen.

2027 erfahren die Bewohner Londons, dass Werbung auf öffentlichen Plätzen verboten ist. Ela und Mill‘s Tochter Sera zeigt auf einer einstigen Werbeflächen in der U Bahn Canary Wharf ihre Kampagnen zur Rettung der Natur und damit der Welt. Durch das politische Wirken ihrer Tochter befreien Ela und Mill sich von ihren Meinungen und ihr Bewusstsein verändert sich, auch wenn, oder weil, immer noch Terror und Krieg als gigantische Umweltverschmutzter die Welt verwüsten.

Heute, an diesem segensreichen Tag veröffentliche und lege ich mein Schaffen in die Hände der wundersamen Göttin der Kunst, derer heute in Indien gedacht wird.

„Om Saraswati. Du wirkst heute durch unsere großen Lehrer und Idole wie T.K.Krishnamacharya!“ (Foto).

Schreibe einen Kommentar