„Yoga und Gefühle“

Kapitel Hingabe s. 130
Jens Frage hierzu ist wichtig, denn sie zeigt ein uraltes Missverständnis auf:
Krishna ist nicht ein Mann, er ist auch kein Gott, in dem Sinne was das Wort Gott in der christlichen Kultur bedeutet. Vielmehr sind Götter Darstellungen von Eigenschaften. So symbolisiert Krishna Illusion, Imagination, Verspieltheit, das Erotische, die Anziehung, die überirischer Schönheit, den vollkommenem Flirt, auch ist er ein Mahayogi, der Arjuna das Unerschrockensein beibringt, den badenden Mädels hingegen, sich über Konvention und der „häuslichen Spießigkeit“ hinwegzusetzten.

Krishna zieht alle Herzen der Menschen mit dem Flötenspiel an. Er ist der Verführer, das Verführen und das Verführtsein. Denke nach über diese wunderbare Sache im Zeitalter von perverser Sexualität – Missbrauch bis pornografische Selbstdarstellung via Instagram–, wie schön doch erotische Liebe in der Erfahrung ist. Letztlich ist sie der Weg zur Hingabe an noch mehr als das eine Gegenüber. Nicht durch Studieren und Lesen, sondern Hingabe, wenn sie am eigenen Leib erfahrbar wird. So ist letztlich Erotik ein Weg für den Mystiker, sich nicht dem Menschen hinzugeben, dem anderen Partner, sondern der Weltenseele, der Natur, die der Partner in idealen Bedingungen verkörpern kann.
Sich Krishna hingeben, dieses bedingungslose Verrückte zu erfahren, nennt man Bhakti oder Hingabe. Niemals an einen sterblichen Mann oder eine sterbliche Frau, sondern im Sterblichen das Unsterbliche spüren: die Erde in der Haut, den Regen im Saft der Geschlechter, das Feuer in der Liebesenergie die aufs Eine gerichtet ist, den Wind in den Bewegungen der Verliebtheit und den Äther in der Ekstase.
Krishna ruft die Verheirateten von ihren Partnern hinweg zum Höheren.

Was dieses Höhere ist, bleibt jedem Individium vorenthalten, das für sich neu zu interpretieren.
Hindu(ismus) ist keine Religion, das Wort wurde von Fremden erfunden, die die Vielfalt der Kulte des alten Indiens in eine Schublade stecken wollten. Kulte, die aus alten Legenden vieler religiöser Praktiken, wie auch Tantra entstanden sind.

„Krishna zeig dein Gesicht, in deinem Mund hat deine Mutter das ganze Universum wahrgenommen, du tanzt auf Schlangendämonen und du bist im Fisch, in der Schildkröte, in Eber und Sau, im Halbmensch – Halblöwe, im Zwerg, im Kämpfer, im Pflüger, in Rama, dem Ritter, in Buddha und auch im Prophet der Zukunft.“

3 Kommentare zu “„Yoga und Gefühle“
  1. Jens sagt:

    Die Frage stammte von mir. Danke für die Erklärung Anjali!
    Noch einmal kurz zur Orientierung: Es geht in der Legende um Gopimädchen (junge Hirtinnen). Krishna sieht diese beim baden, schleicht sich verstohlen heran und hängt die Kleider der Mädchen in einen Baum. Sie müssen sich ihm also nackt zeigen. In Anjali und Srirams Buch wird diese Legende so interpretiert: „Bei Hingabe geben wir uns selbst so, wie wir wirklich sind.“

    Anjali, wenn ich Deine Interpretation jetzt lese, dann fallen meine Bedenken weitgehend weg. Aber so wie diese Legende traditionell erzählt wird, scheint sie mir die Geschlechterrollen zu transportieren, die ja in Indien nicht nur zu Ungleichheiten geführt haben, sondern zu einer Erniedrigung der Frau und des Mädchens als etwas per se Zweitrangiges, als Objekt des Mannes, dem man keinen Respekt zollen muss. Die Mehrheit der Frauen in Indien wird wohl die „Hingabe“ als Selbstentfremdung erleben. Das wird heute leider so sein und dürfte auch zu der Zeit, als die Legende entstanden ist, so gewesen sein.

    Natürlich, im Westen bleibt heute den meisten Mädchen ein derartiges Schicksal erspart. Trotzdem werden sie von Kulturindustrie und durch Körperideologien von sich selbst entfremdet. Das gilt natürlich auch für Männer. Das führt dann zu den Phänomenen, die Du genannt hast Anjali. Daher sehe ich eine Aufgabe von YogalehrerInnen auch darin, Menschen in ihrer Körperlichkeit zu stärken, also den Körper als Quelle des Lebens und Fühlens zu erleben, nicht nur als Objekt im Spiegel oder auf dem Bildschirm.
    Herzliche Grüsse
    Jens

  2. Anjalisriram sagt:

    Das Problem Jens ist hier, eine Erfahrung zu beschreiben. Ein Anderer kann das nicht nachvollziehen, es sei denn er erfährt es auch.
    Mir offenbarte sich Krishna während des Tanzens, durch wiederholtes Ausdrücken, durch Gesten und Gefühlen die die Poesie über ihn einfangen:

    Ebene eins – die weltliche Ebene:
    Männer schauen nun mal gern Frauen an, wenn diese sich unbeobachtet bewegen (Symbol in der Poesie dafür: Schwimmen und Baden in der Natur einer weitläufigen Flusslandschaft und Spaß untereinander haben durch gegenseitiges anspritzen usw.) .
    Frauen betrachten ihrerseits nicht gern Männer, wenn diese sich in Fitness üben oder mit ihren Gesellen einen trinken gehen, obwohl Männer das gern hätten….
    Bist du soweit mit mir?
    Die Anziehung zwischen den Geschlechtern funktioniert meines Erachtens so:
    Männer sind von dem weiblichen Ausdruck der Natürlichkeit angezogen und Frauen betrachten gern Männer wenn sie etwas vollbringen (meistens etwas mehr als das Natürliche)

    Dieses Bild soll nun transzendiert werden in die geistige Ebene:
    Frauen, die Gopis, symbolisieren alle Menschen, Männer und Frauen sind Gopis, wenn es darum geht das Unglaubliche, Wundervolle, Imaginäre oder letztlich nennen wir es das Göttliche zu erfahren. Dafür steht Krishna…deshalb haben indische männliche Mystiker ihre Lieder im Geist als Frauen Krishna dargebracht….nicht in transsexueller Art, oder als Transgenders, sondern äußerlich als Männer, die im weiblichen Geist z. b. als badende oder tanzende Gopis sich der Hingabe an etwas das die Unsterblichkeit darstellt z.B. Krishna.
    Sagen wir platt, der Mann erlebt die weibliche Seite in sich wenn er über Krishna meditiert. Er sieht sich als albernes ohnmächtiges Geschöpf, das doch von dem Weltenverzauberer Krishna in die andere Ebene mitgenommen wird.
    Folgst du noch?
    Die Indologie und z. B. Google geben Dir die folgende Auskunft über Krishna. Sie sagen: Krishna ist ein männlicher Gott, und liegen doch falsch, denn dieses Wissen basiert nicht auf der Erfahrung.
    Krishna ist auch Vishnu, der sich als Mohini (Frau)offenbart und mit Siva Sex hat und ein Kind gebärt: Iyapan, der in Kerala inkarniert ist, im Tempel, wo nur Männer hingehen dürfen….was heute in Indien Diskussionen auslöst. Frauenemanzipatorische Bewegungen halten das falsch, dabei gibt es so viele Tempel die Frauen vorenthalten sind, nur sind die nicht so berühmt.

    Schon wären wir beim indischen Frauenbild, das der Westen gern so sieht als seien hier eine Masse unterdrückter Frauen. Richtig ist, das es sehr viel Armut gibt, und nur irgendwie unter 5 % Grundstücke Frauen gehören, sie sind derart mittellos, das sie Zielscheibe der Ausbeutung, sexuell, materiell, als Arbeitskraft u.a. werden. Das ist ein ökonomisch und gesellschaftspolitisches Problem und geht auch sehr tief zurück auf die koloniale Geschichte, obwohl das der Westen nicht gern hört, (bald kommt mein Buch „Der fliegende Gott“ raus, in dem es um diese Themen geht und in dem meine Lektorin mich oft daran erinnert: „ kannst du diese Textstelle mal dem Nicht-Hindu erklären, wie soll er mitkommen!!!Also das Thema um deine Frage ist brandaktuell für mich.)

    Es gibt es sehr, sehr viele psychologisch stabile und starke Frauen in Indien, da kann dir die Kinnlade runterhängen vor Staunen, gerade Frauen mit denen ich hier bekannt bin, sind oft der Hammer an „commen sense“ und ihrem Bewusstsein der Weiblichkeit, und das zieht sich durch alle Schichten, jenseits von dem was die Kosmetikindustrie vorschreibt. Die Mädels der heutigen Moderne tun mir manchmal Leid mit ihren „Posts auf Instagram, wo sie sich künstlich retuschiert ablichten und darstellen. Was sind das für Opfer? Und von wem?
    Krishna liebt alle gleichermaßen, die dicken und die dünnen Mädels, die alten die jungen, er ist die Liebe und das Verzückt-sein….er genießt jenseits von „sieht die gut aus oder ist etwa die Andere besser!“, weil er alle liebt und alle glauben von ihm gleichermaßen geliebt zu werden(Ras Lila ) Was für ein Bild! Er liebt auch dich wie du bist, denn du bist auch ein Gopimädchen in deinem Herzen.
    Folgst du mir?
    Das poetische Kultur und die sozialen Probleme Indiens sind nicht über einen Kamm zu scheren. In meiner Vision ist Krishna nicht ein Mann mit Penis, der gut aussieht und rumglotzt und sich aufgeilt….
    sondern wie das Männliche das Weibliche zusammen spielt. (Ohne dem moralischen Filter ausgesetzt zu sein)
    Gopis und Krishna verschmelzen zu Einem.
    Dieses „ekstatische Lieben“ ist die Energie die mich ereilt wenn ich mir Krishna vorstelle, da werden Göttliches und Profanes eins.
    Das ist „herr“lich!!! Ohne Frauen zu unterdrücken.

  3. Jens sagt:

    Genau wegen des Aspekts der Erfahrung hatte ich im ersten Kommentar ja geschrieben, dass meine Bedenken bezüglich Eurer Interpretation zerstreut sind. Du interpretierst die Legende als eine Art Gleichnis, wobei eben die Personen gewissermassen Gefühle und die Erfahrungen des Geschlechts repräsentieren. Ich denke, dass dies natürlich ideale Erfahrungen sind, dem heutigen westlichen Menschen sind ja starke Gefühle oder Leidenschaften fast völlig fremd. Wie es in Indien ist, weiss ich nicht genau. Daher kommt ja die Attraktivität virtueller Welten. Dort werden stellvertretend die Reize und Gefühle gesucht, die das moderne Leben dem Menschen nicht mehr bieten kann. Dieses Phänomen ist ja älter als das Internet, das Fernsehen und Kino haben hier massgeblich geprägt, dass Internet mit seinen Bilderfluten konnte daran anschliessen.
    Noch ein Gedanke: Es ist sehr populär geworden gewisse Internetdienstleistungen wie Instagram als Zeichen von Verwahrlosung und Verarmung unserer Kultur zu deuten. Das sind sie auch, allerdings sind sie aus meiner Sicht nur Symptom eines Problems, das Soziologen schon um 1940 in den USA beobachtet haben und dann „Kulturindustrie“ genannt haben. Der Kulturbetrieb vermittelt demnach keine Idee von Freiheit oder einem besseren Leben mehr, sondern setzt nur die Sphäre des Konsums fort. Es geht um Produkte, die den Menschen nur noch unterhalten und ihn um das bringen, was sie eigentlich versprechen.

    Allerdings meine ich, sollten wir nicht in die Falle tappen und diesen Internetkonzernen den Gefallen tun sie schon für das absolute Zentrum unserer Kultur zu halten. Jetzt nutzen in Deutschland etwa 10% der Menschen Instagram, also haben 90% damit nichts zu tun. Ich vermute es gibt mehr junge Mädchen, die einmal pro Woche beim Psychotherapeuten sitzen und empfänglich sind oder wären für weit mehr als diesen Zirkus im Internet. Du fragst, wem diese Mädchen zum Opfer gefallen sind. Zunächst kann man vielleicht sagen dem Menschsein, denn kein Leben und kein Erwachsenwerden verläuft ohne Konflikte. Und dann natürlich sind sie Opfer einer Kultur, die den Menschen schon als Kind von sich entfremdet, ihn lehrt seine eigenen Gefühle zu unterdrücken, unerwünschte Impulse abzudrängen und alles nicht kulturell erwünschte als Problem der eigenen Seele zu erleben. Dazu kommt natürlich heute eine Gesellschaft, die das Individuum zur Selbstoptimierung drängt, indem sie nicht nur den Arbeitsmarkt zu einem Markt der jungen und perfekten Körper macht, sondern dies auch im Privatleben durchzusetzen versucht. Also es ist eine emotionale Verarmung und der Trend, sich selber als ein Produkt zu stilisieren, das auf Märkten erfolgreich sein muss.

    Aber das Internet ist noch nicht das Zentrum der Welt. Wer ins volle Fussballstadion kommt, der mag danken: Schon wieder die ganze Stadt hier! Der regelmässige Besucher klassischer Konzerte denkt: Noch immer interessieren sich so viele Mitmenschen für Hochkultur. Und der Internet-User meint eben, alle anderen Menschen seien wie er auch User, weil er virtuell von tausenden Menschen umgeben ist. Das ist die Illusion unserer Wahrnehmung. Es werden sich nie alle Menschen zu wachen Zeitgenossen entwickeln, die sich nicht manipulieren lassen. Seit Jahrzehnten schaut ein Teil der Menschen Fernsehshows und liest Boulevardzeitungen. Einige Internetkonzerne haben diese Menschen jetzt „übernommen“ und bietet ihnen schlechte Unterhaltung.

    Aber es gibt doch noch immer genügend Menschen, die einen Widerstand gegen diese Phänomene verspüren. Im letzten Jahr waren in Deutschland Millionen Menschen als Demonstranten auf der Strasse, für Klimaschutz, gegen Rasissmus und gegen schärfere Polizeigesetze. Übrigens ist es ja eine repressive Strategie, Menschen das Gefühl zu geben, sie seien mit ihren Ansichten allein und müssten daher verrückt sein. Gerade im Yogaunterricht ist es aus meiner Sicht wichtig zu vermitteln, dass man nie allein ist, wenn man allgemeinen Trends nicht folgt oder sogar Widerstand leistet gegen Dinge, die man nicht tolerieren will. Das sind meine Gedanken.

    Ich wünsche Euch weiterhin viel Erfolg mit Eurem Projekt!

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