Vergängliches Tanzen

Tanz oder natya ist die erstgeborene der 64 Künste. Tanz ist der ursprünglichste Weg sich mit der Schöpfung zu verbinden. Tanz bringt Frieden, Glück und Freiheit. Ananda die Seligkeit im Tanz inspirierte die großen Yogis und sie verehren die Künstler des natya. (Natyashastra)

Anjali Sriram Tanz

Anjali zwischen der Bildinstallation „Transparente Götter“ von Elisabeth Rößler/Pasinger Fabrik 2005/ Foto: Gerhard Schwengler

Tanvi rupavati shama pinonatapayodhara pragalbha sarasa kantha kuschala grahamokshala vishalalotshana gitavadhira talanusardim paradir pusha sam paana. Prasana mukha pankaja. (Natyashastra)

Weder zu dick noch zu dünn, zu groß noch zu klein, mit runden Brüsten, selbstbewusst, mit guter Aussprache, charmant, liebenswert, intelligent die Tänzerin weiß, wann der Tanz anfängt und wann er aufhört, hat leuchtende Augen, fügt sich ganz in Rhythmus und Melodie, kleidet und schmückt sich mit richtigen Kostümen und Juwelen, und hat eine freundlich lächelnde Ausstrahlung.

Die häufigste Frage die mir gestellt wird:
Wie kamst du zum indischen Tanz, zu Bharatanatyam?

Erster Schritt: ich habe meiner Mutter mit 3 Jahren gesagt ich werde Tänzerin und kam mit 9 Jahren in Stuttgart zum Ballett. Mit 16 Jahren war ich auf der Staatlichen Hochschule für Musik und darstellende Kunst, spielte am Staatstheater mit 18 und begriff als ich das erste mal eine indische Tänzerin sah, dass sie ein Kosmos für sich ist, und dass ich diese Kunst lernen wollte. Dass artha, dharma, kama und moksha also weltliches Glück, Verständnis für Lebenszusammenhänge, Liebe und Freiheit mit natya, dem Tanz zu erreichen sind, ahnte ich instinktiv. Die hochsubventionierte, realistische Kunst Europas erschien mir langweilig dagegen. Ich brach über experimentelles Tanztheater in London zum „Dance Theater of Om“ in San Francisco und endlich zum Studium nach Indien auf.

Die zweithäufigste Frage die mir gestellt wird:
Wie konntest du dich in die religiösen Inhalte einfühlen? Bist du Hindu geworden?

Javach, sthira …shraddha … Agilität und Standhaftigkeit sowie Hingabe sind Charaktereigenschaften für nartakis Tänzer, die sich geistig wie auch körperlich auswirken. Sie sind wichtiger als eine bestimmte Religionszugehörigkeit. Kultviert man sie, sieht man das Göttliche in allen Dingen. Die äußeren Bekenntnisse zu einer gewissen Religions helfen Menschen, die nicht tanzen, sich kultisch einzufühlen. Jeder Tänzer aber sieht in seinen Leib das Universum wiedergespiegelt und veredelt mit dem Training das Ideale in sich. Angikam bhuvanam yasya…der Körper ist das Universum. (Abinaya Darpana)

Was noch von Interesse ist, ist, was yoga und natya gemeinsam haben:

Konstante Übung, mit vollkommener Konzentration auf die Abläufe der Bewegung ausgerichtet sein und dabei das Allgemeingültige (Göttliche, Ewige) als Basis spüren. Über die Grenzen der Konditionierung des Geistes sowie des Leibes hinauszuwachsen. Sich durch die Vorstellungskraft dem Wundervollem annähern. Die Verinnerlichung des bhavas, oder der bhavanas, der grundlegenden menschlichen Gefühlszustände, in die man sich bewusst begibt und sie doch beobachtet, hilft dabei.


Frankfurt, 27.10.2012

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