Friedlich dahinziehende Bergwand

Schwebend, als würde es dem Flachland entgegenstreben und das Meer suchen, zeigt sich das gegenüber liegende langgestreckte Bergmassiv. Auf seiner Felsenwand zeichnet sich der ins Tal sausender Wasserfall ab. Erst gerade, dann in eine Kurve abbiegend, um sich schließlich zu gabeln. Das Tal ist weitläufig, und selbst in der Regenzeit ist kein Rauschen vernehmbar. Der ‚fliegende’ Berg nimmt aber auf eine imaginäre Reise mit. Welches Geheimnis birgt die Wildnis? Wie soll ein Berg fortziehen können? Wer lebt dort? Ein einziges Bergdorf drüben ist nachts hell erleuchtet. Die Regierung hat den Adivasis Solarstrom eingerichtet, erzählen die Bewohner von dieser Seite. Neidisch und auch neugierig schaue ich hinüber, wenn bei uns wieder einmal der Strom ausfällt. Aber an den zerklüfteten und unbewohnten Hängen ohne Straßen muss das Leben schwierig sein. 

Gestern,  endlich!  fuhren wir, eine kleine Gruppe bestehend aus Sriram, Mitun, Tanya und mir,  hinunter um hinauf zum Wasserfall zu klettern. Am Flussufer im Tal sahen wir vereinzelte Kleinbauern Soja- und Dicke Bohnen unter Baumwollbäumen anbauen. Die Bäume gleichen alten Riesen, die mächtig aus dem Boden ragen. Dazwischen hochgewachsenes Bambusdickicht und dichter Schilf. Immer noch eine ursprüngliche Landschaft. Der neu ausgebaute Fahrweg führt bis hinauf ins Adivasi Dorf und endet dort. 

„Parkt nicht hier!“, ruft eine weibliche Stimme. Gleich käme der kleine Truck, für den Laden. Mitun, unser Freund, parkt weiter rechts. 

„Die Lieferung kommt einmal wöchentlich“, sagt Mitun beim Aussteigen. Wir stehen am Anfang einer Gasse. Rechts und links stehen etwa zwölf schachtelartige, winzige, einstöckige Betonhäusern eng nebeneinander in Reih und Glied. Die Regierung hat sie für die einst durch den Urwald wandernden Adivasis gebaut. Das erste der Häuser hat eine große Öffnung als Fenster. An Seilen hängen Seife, Kekse, Zucker, Tee. So können die Ameisen sie nicht erreichen. 

Dahinter ziehen sich aus aufgeschichtetem Stein und Lehm, mit Bambus gebaute Hüttenverschläge lose und weitverbreitet, von viel Platz umgeben, den Hang hinauf. Kühe und Ziegen leben hier mit den Menschen zusammen. Wir wandern den staubigen Pfad hinauf an den bellenden Hunden vorbei, die auf Zurufe energischer Stimmen bald schon freundlich mit dem Schwanz wedeln. Niemand starrt uns an, obwohl hier selten jemand mit weißer Haut vorbeikommt, sondern alle sind bei sich und ihren Tätigkeiten. Es liegen Reste von Seifenpapier, Kekspapier und anderem bunten Verpackungsmüll auf dem Weg. Dieser achtlos hingeworfene Müll ist zunächst beschämend. Beim weiteren Ansehen wirkt er bunt und kontrastreich. Die wenigen Dinge, die hier konsumiert werden können – das bisschen Unrat, das dann liegen bleibt – bringt Lebendigkeit auf den erdigen Pfad und stört schon durch sein Minimum im Vergleich zur üppigen Natur eigentlich nicht besonders, beschließe ich bald und werden unaufgeregt über das menschgemacht Störende. Ringsum dominiert grün, braun und grau: Pflanzen, Erde und Stein. Die Anwohner wickeln Seile,  machen aus Gräsern Besen und schneiden Dinge zu. Sie direkt zu betrachten hätte meinen Status als Eindringling vergrößert. Ich nehme sie aus den Augenwinkeln wahr. Was bewegt sie am meisten? Ein kaum erkennbarer Pfad führt steil hinauf in die Felsenwand. 

Auf einem Plateau endete der Weg, von dort pirschen wir uns durchs Dickicht oder über Felsen. Mitun kennt sich aus. Bald erreichen wir eine kleine Ansammlung aus drei Hütten. Zwei Kühe, viele Ziegen, Kaninchen, Hühner und ein Hahn liefen umher. Die weibliche Gestalt verschwindet hinter einer geflochtenen Bambuswand. Erst nachdem ihr Mann Mitun freundlich grüßt kommt sie mir entgegen und blickt mich an, als würde sie mich mit den Augen verschlingen wollen. Mitun ist ein Naturfreund und will ökofreundlichen Tourismus, was immer das auch ist, für junge Leute auf unserer Bergseite aufbauen. Er war aber auch auf dem fliegenden Berg schon öfters wandern. So hatte er sich wohl mit Shiva, so heißt der Mann, angefreundet. Sie begannen zu schäkern und wie selbstverständlich, geht Shiva voran und zeigte uns den weiteren Weg zum Wasserfall. Seine zwei Kinder hopsen mit. Es geht durch seinen Sojabohnengarten, und wieder über Gestrüpp, an  schroff abfallenden Graswänden vorbei. Bald balancieren wir in schwindelerregenden Höhen über glatte Felsen. Viele Amlabäume recken sich schräg von einem Felsenvorsprung abenteuerlich in den Abgrund. Dann wieder ein Plateau mit einem ausladenden Banyanbaum. Auf der Höhe eines sehr steil im Winkel zum Horizont verlaufenden Abhangs angekommen liegt er vor uns: Etwa achthundert Meter lang ist der herabstürzende Wasserfall. Traumhaft. Ungezähmt. Das Auge ist vom Grün, Braun und Grau längst besänftigt und erfrischt sich am Weiß der spritzigen Gischt. Die Gedanken in seltener Harmonie an dieses Schauspiel gefesselt. 

„Im Stein dort drüben verehren unsere Frauen Kanni Amma, die Göttin, die unsere Ahnen im Urwald aufgezogen und beschützt hat!“ sagt Shiva. Seine Augen leuchten. Ich sehe hinüber in die großen Felsen, die das Wasser in Becken aufsammeln. Die göttliche Kraft wird hier immer aufs Neue durch die Bewohner erweckt. Die Aura der unberührten Wälder umfängt mit imaginären Armen. Sein Lassen, nichts erforschen, nicht berühren, aber staunend anbeten, denke ich. 

Wir gehen weiter und erreichen eine einsame Bambushütte mit Stroh und Gras versehen. 

„Sundari amma“, sagt Shiva „behütet die Erde“. Es bedeutet „schönste Mutter“, übersetzte ich mental und betrachte aus der Ferne eine alte Frau die in einem kleinen Buchweizen Feld in der Nähe des Wassers ackert. Es liegt inmitten der Wildnis und gleicht einem akkuraten Viereck. Als wir näher kommen winkt sie freundlich und bietet Kaffee an. 

„Hier wächst wilder Kaffee“, sagt Shiva. Ich schütteln den Kopf und sage, wir müssen vor Dunkelheit wieder unten sein. Als ich um die Hütte herum gehe, mache ich ein Foto von zwei kleinen Jungen die neben einer Ziege sitzen und auf ein Handy schauen. Bilder aus aller Welt? Oder Spiele? Keine Ahnung, was sie sehen können und ob es überhaupt Empfang gibt. 

Ich blick hinauf zum Himmel. Sehen diese Kinder im Handy die Welt in der immer wieder Krieg ist und in der es viel zu viele Waffen produziert werden? In der die Politiker nur noch Verwalter des Reichtums sind? In der die Wissenschaftler soviel Geld zur Verfügung haben dass sie Viren kreieren um dann Impfmittel zu erforschen. Oder aus purer Lust an der Forschung Risiken eingehen? Oder aus Langeweile? Gar 

dem Trieb unterlegen sind, nichts, aber auch nichts unerforscht zu lassen? 

Sehen Kinder des fliegenden Bergs die zivilisierte Welt als Schauermärchen? Als ein Chaos, in dem Menschen zwischen Dämonen und Engeln nicht mehr unterscheiden können? Als Fata Morgana eines verheißungsvollen Versprechens und dem von geistlosen Dingen Enttäuscht werden? Ist die Normalität der Städte nichts als ein absurder Albtraum, der alles bald vernichtet? 

Ich spüre die Erdgöttin im Blick der Bewohner hier. Sie ist da. Einfach, schlicht, großartig bewegen diese Menschen sich leichtfüßig und unbeschwert in der Kulisse der Natur. Die wenigen, die hier leben sind ohne Furcht aber in Ehrfurcht vor den großen Tieren des Dschungels. Sie berühren mich. Friede durchströmt das Herz. Ein besonderer Moment: das Mysterium liegt in einer von Menschenhand unberührten, weiten Landschaft. Die Schöpferhand ist sichtbar und nah. Vergeistigte Natur, die so viel mächtiger ist als wir Menschen. Die Adivasis haben den Berg transformiert durch ihre Nähe zu ihm. Plötzlich spüre ich die bewegliche, nie stillhaltende Erde und scheine zusammen mit der Landschaft durch den weiten Raum zu fliegen. 

Hier oben gibt es weder Elektrizität noch Zement. Es gibt nachts Feuer und bei Tag Wasser. Es gibt reine Luft und Erde, die Gemüse und Mais wachsen lässt. Und es gibt den Äther, als Mond, als Sonne und als Sterne. Es gibt die Essenz, das Wesentliche oder Notwendige. Glauben an die Erde als eine weibliche Kraft. Ihrem Schutz als heiliges, heiles Ganzes haben die Menschen sich in der zivilisierten Welt entzogen. 

Nach dem Abstieg zurück bei den drei Strohhütten trinken wir dann doch noch Kaffee, der in kleinen metallenen Bechern serviert wird. Was uns in unserem Luxus bewegt, die Gier nach immer neuen Dingen, oder die beständige Angst, sie zu verlieren, scheinen Shiva, der mit seinem Bruder und den ihren jeweiligen Frauen, deren Kindern und deren Großeltern hier mit den Tieren zusammenlebt, nicht zu kennen.  Sie alle strahlen uns unbekümmert und frei von Beurteilung an. Sie kümmern sich um ihre Umgebung und sind mit dem was sie zum Essen anbauen verbunden. 

Ist das jenes Menschsein, das die Dämonen im Schach halten und die Mutter Erde schützen kann? Eine Menschlichkeit, welche die Klimarettung angehen kann. 

Als wir uns auf dem Felsplateau weit unten niederlassen und der volle Mond rot über dem weiten Tal und den hohen Zweitausendern aufgeht, fühle ich mich in den Bergen zuhause. Stark und fest ist der Stein auf dem wir sitzen und doch scheint er im Kosmos dahinzuschweben. 

In der gesamten Adivasi Stämmen in der Umgebung von Kodaikanal gab es keinen einzigen Coronafall. Ihr Immunsystem scheint intakt. Oder schützt sie die jungfräuliche Erde? 

2 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.